Drachen, Kunst und Liebe

Sage oder Wirklichkeit?

Von den Gemeinsamkeiten der Lindwürmer und Transformatoren

von Rudolf Uhrig

Hält man das Ohr ganz fest und ganz dicht an ein "Trafo-Häuschen", so kann man ihn hören: den schlaffen Strom, wie er in der Spule wild aufgepeitscht zum Weitergehen ins Kabel, zur wartenden Hausfrau, getrieben wird. Er summt und surrt im Stromumwandler, der das Spannungsniveau erhöht oder herabsetzt. Und genauso muss es dem tapferen Siegfried ergangen sein. Sein Herz pochte, rauf und runter, es schlug immer schneller als er sich der Drachenhöhle näherte, der Behausung des Ungeheuers mit Schlangenleib und Flügeln, dort, wo es surrte, summte und zischte. Eine Assoziation, die James McDowell und Simone Schofer von der Nibelungenfestspiel gGmbH animierte, der Frage nachzugehen: "Wohnen die Nachkommen von Fafnir heute in einem Trafo-Häuschen?" Denn auch ihre Fantasie wird von jener Kreatur angeregt und ganz und gar von der Nibelungensage gefangen genommen. Und die beiden fanden in Andrea Nandelstaedt, der Leiterin des Hauses der Jugend in Worms, eine Seelenverwandte. Aber nicht schnöde, profan oder gar wissenschaftlich wollte man sich jeder Frage widmen, sondern künstlerisch. Acht junge Künstler aus der freien Szene setzten sich mit Drache und Feuer, Liebe und Hass, dem Nibelungen-Thema, auseinander. So durften die Spreyer ­ nun ganz legal ­ die EWR-Trafohäuschen, mit vom Energiedienstleister gestifteten Top-Farben, gestalten; getreu dem Motto: Worms wird bunt ­ zum Wohle der Region! Dabei war die Aufgabenstellung gar nicht so einfach, denn die Untergründe, die "Leinwand² war verschieden beschaffen. Mal glatt als Fliese, mal "aufsaugend² als Rauputz. Aber mit Sachverstand und Können gingen die Damen und Herren, die freilich ­ aber leider ­ nicht namentlich in Erscheinung treten wollen, ans Werk, acht Tage lang. Bei Wind und Wetter gestalteten sie, sprühten mal mit feiner, mal mit grober Düse, mal leicht, weit entfernt, dann mal mit starkem Strahl und "Duktus³. Ganz und gar mit verschiedenen Intensionen schufen sie Ergebnisse, die beeindrucken und in der Tat zum Hingucker werden. Ganz abstrakt ­ wie im Bauhausstil ­ ist das Trafo-Häuschen in der Bebelstraße gehalten, während in der Gaustraße in Neuhausen ein buntes, wildes Comic die einst weiße Wand ziert. "Blut² steht drauf, und ist auch "drin². Es tropft, Fafnir haucht feuerspeiend sein Leben aus, während sanft und sacht das Lindenblatt auf den helmbewährten Helden hernieder fällt. Gar furchterregend windet sich der Lindwurm auf dem freien Feld im Kirschgartenweg und in der Köhlerstraße stilisiert er das Wormser Wappen. Mit der Idylle in der Köhlerstraße ist es ­ spätestens seit 20. Juni ­ ebenfalls vorbei. Außer dem Trafo-Zischen, heizt dort zusätzlich jenes Fabeltier ein. Eine Idee, die Raum für weitere Fantasien lässt. Worms untermauert einmal mehr seinen Anspruch auf Offenheit, auf Kunst-Anspruch, auf jeden Fall aber auf die Tatsache ganz und gar als DIE Nibelungenstadt zu wirken; auch sichtbar und äußerlich und ganz bestimmt nicht nur oberflächlich.

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