Drachen, Kunst und Liebe

Siegfrieds Bad im Blut

Wie Graffity-Spraxer Trafohäuschen künstlerisch gestalten

von Yasmin Hameed

350 Dosen Farbe, acht junge Künstler und unkonventionelle Werbeträger machen einen Spaziergang durch Worms seit vergangener Woche zur aufregenden Entdeckungstour: In sechs außergewöhnlichen Graffitis hat das kulturelle Erbe der Stadt seinen modernen Ausdruck gefunden und nebenbei unscheinbare Trafohäuschen in echte Kunstwerke verwandelt. Bei einem Rundgang konnten am Sonntagnachmittag Vertreter des EWR und der Nibelungen-Festspiele gemeinsam mit den jungen Künstlern und Andrea Nandelstaedt, Leiterin des Hauses der Jugend, die Graffitis an den ausgewählten Trafostationen besichtigen. Sichtlich begeistert zeigte sich auch Kulturdezernent Gunter Heiland, der für jedes Motiv lobende Worte fand und die gelungene und abwechslungsreiche Umsetzung des Nibelungenmotivs betonte. Während die "KGB-Crew³, wie sich drei der Sprayer nennen, bei der Gestaltung des Trafohäuschens in der Bebelstraße auf klare Linienführung und puristische geometrische Formen in den Farben schwarz und rot setzte, bietet sich den Fußgängern in der Gaustraße ein poppiger Comicstrip in leuchtenden Farben, der, frei von Pathos, die Drachentötung und Siegfrieds Bad im Blut auf das Wesentliche reduziert und plakativ aufarbeitet. Dem Drachenmotiv als Herausforderung stellten sich auch zwei weitere Künstler: Sowohl in der Johanniterstraße, als auch im Kirschgartenweg schwebt nun ein Drache über die Fassade. Besonders schwer gestaltete sich die Ausarbeitung des Feuer speienden Ungeheuers auf dem glatten Untergrund, da dort die Gefahr besteht, dass die Farben ineinander laufen. Sehen konnte man von diesen handwerklichen Problemen jedoch nichts mehr bei der Besichtigung, vielmehr erhielten der plastisch dargestellte und mit Lichtreflexen umspielte Drachen am dunklen Nachthimmel, sowie der asiatisch anmutende Drache an der Ortseinfahrt Worms großen Applaus. Umfassender setzt sich das Graffiti an der Köhlerstraße mit der Stadtgeschichte auseinander: Der Sonnenaufgang vor der Kulisse der Domstadt wird ergänzt durch den Drachen und das Stadtwappen. Dass sich jeder der Künstler auf seine Weise mit dem Nibelungenthema auseinandergesetzt hat, zeigen auch die rein typographisch gestalteten Graffitis. So wurden die Leitmotive Liebe und Hass in der Gutenbergstraße nur durch eine geschwungene Schriftart festgehalten, unterstützt und intensiviert durch einen blutroten Hintergrund. James McDowell von der Nibelungen Festspiel GmbH ist sicher, dass durch diese ungewöhnliche Aktion ein breiteres Publikum angesprochen werden kann und dass das Entwicklungspotential dieser Kunstform eine Fortsetzung ­ beispielsweise mit einer Ausstellung während der Festspiele ­ findet.


Drache ritzgrün, Siegfried poppig

Nibelungen auf neuer Bühne:
Sprayer sind auf EWR-Trafohäuschen aktiv

von Susanne Müller

Den Namen sagen? Nein, das wollen sie nicht. Ein Bild in der Zeitung? Auch das ist nicht recht. Wenn Informanten oder Handelnde so reagieren, will dann im Regelfall auch die Zeitung nicht. Diesmal aber, bei den zwei jungen Leuten, die da am Trafohäuschen im Kirschgartenweg stehen zwischen reifendem Getreide, Farbeimern und Spraydosen, gibt¹s einen Bericht ohne Namen und mit einem Foto, auf dem das Kunstwerk groß, der Ausführende aber nur am Rande zu sehen ist. Denn: Der junge Mann und die Studentin haben sich der Nibelungen angenommen. Sie wollen mit weiteren Kollegen aus der Sprayer-Szene zwar ihrem Anonymitäts-Kodex treu bleiben, aber trotzdem ganz bürgerlich und offiziell sechs EWR-Häuschen im Stadtgebiet verschönern ­ als Lohn dafür gibt¹s Eintrittskarten für die Festspiele. Der Energieversorger hat den jungen Sprayern die Farben gestellt, und das nicht zu knapp. Pro Häuschen, so klärt der Aktivist vorm geweißelten Gebäude auf, brauche man so um die 100 Acryl-Lack-Dosen: "Und die sind vom Künstlerbedarf, die vom Baumarkt für den Autospoiler tun¹s nicht³. Denn wer als Graffiti-Sprayer kein Zugwaggon-Schmierer oder Brückenpfeiler-Besprüher, sondern Künstler mit hehren Absichten sein will, der fabriziert seine "pieces³ nur legal, auf erlaubten Flächen und nimmt auch Farbe, die hinterher was hermacht. Denn die Kunstwerke sollen bei der Trafohäuschen-Aktion Bestand haben, sollen "Visitenkarten für die Stadt³ sein. So wünscht es sich die Festspiel gGmbh, die die Idee von den Comic-Nibelungen in Zusammenarbeit mit dem Haus der Jugend geboren hat. Die viel zitierte Sage soll im Stadtbild in ganz neuer Weise präsent werden, soll knallig-bunt, in Pop-Art-Manier daherkommen. Dass ihre Werke nicht selbst Opfer von Sprühern werden, da ist sich "Molke³ sicher. Jeder "Writer³ hat den Ehrgeiz, eigene Signets zu veröffentlichen, individuelle Werke zu schaffen: "Andere Sprayer respektieren das, komplett fertiggestellte pieces werden nicht übersprüht³. So hofft es auch Simone Schofer, die für die Festspiele versucht, die mehr als individualistisch agierenden Sprayer unter einen Hut zu bekommen. Sie hat das Vorhaben bei den EWR-Oberen vertreten, hat Bedenken ausgeräumt und die Entwürfe vorgelegt, die von den Sprayern vorher angefertigt und schließlich gut geheißen wurden. Allerhand Drachen nahmen da Gestalt an, Siegfried kommt vor, Ritter stapfen in glänzender Rüstung, "ich schreibe die Worte Liebe, Hass, Rache³, sagt Molke. Besichtigt werden können die Graffiti-Nibelungen ab Sonntag, dann sollen die Häuschen Altes Krankenhaus, Johanniterstraße, Bebelstraße, Köhlerstraße, Kirschgartenweg und Gaustraße fertig sein. Geplant ist außerdem, alle "pieces³ zu fotografieren und sie dann in den Pause der Festspiel-Aufführungen auf Leinwände zu projizieren.

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